Das Velebit Gebirge und der Nationalpark Paklenica standen ganz weit oben auf meiner Kroatien Liste. Diese beeindruckenden Felsformationen direkt am Meer — beste Kombination! Paklenica bedeutet übersetzt „kleine Hölle“. Eine Übersetzung, die uns vorher nicht bekannt war und uns vielleicht hätte warnen sollen. Ich sage nur: Nomen est omen!

Eingang zum Nationalpark Paklenica.

In dem 96 km2 großen Park gibt es markierte Wanderwege mit insgesamt 150 km Länge. Auch ausgeschilderte Mountainbike Strecken gibt es hier, die ich diesmal leider nicht beurteilen kann, denn für uns stand Wandern auf dem Programm. Es ist ratsam, auf den Wegen zu bleiben, denn in manchen Teilen des Parks besteht noch immer die Gefahr auf Landminen zu treten. Anhand der Wegmarkierungen lässt sich nicht erkennen, welche Schwierigkeitsstufe die Wanderwege haben und leider habe ich am Parkeingang auch kein geeignetes Wanderkartenmaterial gefunden. Wir mussten uns also auf meine komoot Routenplanung verlassen: eine 15 km Wanderung schien mir selbst für  eine Schwangere easy. Positiv war, dass die markierten Wanderwege super mit der geplanten Route übereingestimmt haben und dass die Markierungen in sehr regelmäßigen Abständen kamen, sodass man sich wirklich nur schwer verirren kann. Was ich allerdings ein wenig unterschätzt habe, sind 900 Höhenmeter auf 15 km — und die Bedeutung gestrichelter Wanderweg auf komoot. So wurde „ein bisschen Wandern im Nationalpark“ zum unerwarteten Adrenalinkick für eine Schwangere, eine Akrophobikerin und ihre beiden Begleiter, die ihren männlichen Beschützerinstinkt voll ausleben durften.

Höhenprofil von komoot.de

Distanz: 14,6 km
Höhenmeter: 930 m
Tour auf komoot.de ansehen

Gestartet sind wir am Nationalparkeingang an der großen Paklenica Schlucht (Velika Paklenica). Die ersten Kilometer durch den Park führten uns entlang der erwarteten entspannten Wanderwege. Zu Beginn unserer Tour war der Himmel noch wolkenverhangen, was uns als Wanderwetter eigentlich ganz recht kam. Aber kaum legten wir die ersten Höhenmeter auf dem Weg durch die große Paklenica Schlucht zurück, klarte der Himmel auf und die Sonne beschloss, doch weiter an unserer Sommerurlaubsbräune zu arbeiten. Die monströsen, fast senkrechten Felswände der Schlucht reichen bis in eine Höhe von 700 m und gehören zu den bekanntesten und beliebtesten Klettergebieten Europas. Ich selbst habe mich nie am Klettern versucht — hauptsächlich aus Angst, zu viel Gefallen daran zu finden — aber es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie viel Spaß es machen muss, diese Wände zu erklimmen.

„Ich habe gesprochen“

Besonders bekannt ist der Nationalpark außer bei Kletterern vor allem bei Winnetou-Fans. Die große Paklenica-Schlucht erkennen sie als das „Tal der Toten“ wieder. Im Park gibt es hier und dort Winnetou Markierungen, allerdings ohne weitere Beschreibungen oder Erklärungen. Vielleicht werde ich mich demnächst doch mal den alten Winnetou-Filmen widmen und gucken, ob ich mich durch den ein oder anderen Drehort wandern sehe.

Nach Durchquerung der Schlucht beginnt so langsam der Aufstieg Richtung Manita Pec Höhle. Auch wenn man bis zur Höhle schon 560 Höhenmeter zurücklegt, ist der Aufstieg nicht besonders beschwerlich und verläuft entlang gut ausgebauter, familientauglicher Wege. Das liegt sicher auch daran, dass die Höhle eine der Attraktionen im Nationalpark ist und daher gut erreichbar seien soll. Wollt ihr die Höhle besichtigen, dann erkundigt euch vorher über die Öffnungszeiten. Im April ist die Höhle zum Beispiel nur samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

Auf ins Abenteuer

Am Besten gönnt man sich an der Höhle eine kleine Verschnaufpause und ein wenig Energiezufuhr. Denn ab hier werden die Wege deutlich interessanter. Ab hier würde ich nicht mehr vom klassischen Wandern reden, denn ihr könnt euch nicht mehr allein auf eure Beine verlassen. Verstaut also alles in den Rucksäcken und macht euch dazu bereit, eure Hände zu Hilfe nehmen zu müssen. In unserer Naivität dachten wir, dass es vermutlich nur eine kurze Passage dieser Art zu überwinden gilt. Auch das junge Pärchen, dass uns in voller Wandermontur mit Wanderstöcken und etwas entsetztem Blick auf meinen Babybauch entgegen kam, war uns anscheinend nicht Zeichen genug. Ich gebe zu, dass ich solche Blicke während meiner Schwangerschaft häufig ignoriert habe, weil man Schwangeren im Allgemeinen viel zu wenig zutraut. Von dieser Route würde ich im Nachhinein aber doch abraten. Die Höhenmeter mögen zu schaffen sein, aber Klettern an zum Teil mittels Drahtseil gesicherten Passagen ist mit Babybauch einfach umständlich und auch nicht besonders vernünftig. Hätte ich gewusst was mir bevorsteht, ich wäre vermutlich an der Höhle umgedreht.

Dank unserer Unwissenheit hieß es aber stattdessen „rein ins Abenteuer“ und nein, ich bereue keinen Meter dieser Tour. Ich war schon als Kind ein kleines Kletteräffchen und hatte immer den richtigen Körperbau und das notwendige Körpergefühl, um jedes Hindernis zu überwinden, wenn ich es mir denn in den Kopf gesetzt hatte. Dadurch habe ich mich auch trotz Bauch nicht unsicher gefühlt, als wir über die Felsen zum Gipfel geklettert sind. Nach etwa 4 Stunden kamen wir dann endlich auf dem Gipfel bei etwa 840 Höhenmetern an. Und was soll ich sagen: jeder Tropfen Schweiß hat sich gelohnt und die Aussicht entschädigte wie immer für alles! Zeit für eine ausgiebige Pause, um ein stärkendes Picknick und die entspannende Aussicht auf die kroatische Küste in vollen Zügen zu genießen. Dort oben war unsere Stimmung auf dem Höhepunkt: den anstrengenden Teil hatten wir ja nun hinter uns. Ab jetzt hieß es Abstieg — wie schlimm kann das schon werden? Nun ja. Man kann sich an einem Tag auch mehrmals irren…

So kletterten wir zunächst frohen Mutes wieder vom Gipfel hinunter und begaben uns weiter auf die Wanderwege. Immer der Meinung, dass hinter der nächsten Kurve sicher gleich wieder ein klassischer Waldweg auf uns wartete. Aber es blieb felsig. Ich bin normalerweise sehr gerne in meinen Nike Turnschuhen auf langen Touren unterwegs. Für felsig unebenen Untergrund auf lange Strecken sind sie dann aber doch ungeeignet. So hatten meine Fußgelenke und Waden kräftig zu arbeiten (von dem Mehrgewicht mal abgesehen) und nagten kräftig an meinen Energie- und Gute-Laune-Reserven. Kurzum: Der Abstieg war beschwerlich. Beschwerlicher als der Aufstieg. Die Strecke schien einfach kein Ende zu nehmen.

Wir sind nicht allein

Im verlassenen Bergdorf Tomici

Als wir nach 11 Kilometern und 7 Stunden in dem verlassenen Bergdorf Tomici ankamen, merkten wir auch so langsam, wie uns die Zeit im Nacken sitzt. Die Sonne rückte immer tiefer und tiefer. Um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder am Parkeingang anzukommen, mussten wir so langsam einen Zahn zulegen. Die angenehm warmen Strahlen der Abendsonne, lockten zudem auch noch den ein oder anderen Bewohner des Nationalparks zum Vorschein. Im Park leben nämlich (neben Braunbären, denen wir zum Glück nicht begegnet sind) auch zahlreiche Reptilien: unter anderem giftige Hornvipern und Kreuzottern. Während es ziemlich unwahrscheinlich ist, an einem Kreuzotterbiss zu sterben, haben Hornvipern ein starkes Gift, dass bei geschwächten Personen durchaus zum Tod führen kann. Ich bin froh, dass ich das erst im Nachhinein gelernt habe. Ich wäre sonst vermutlich schon vor Angst gestorben.

Die nächsten 2 Kilometer waren mit Abstand die nervenzehrendsten. Wir hatten keine Kraft mehr, die Laune war im Keller, unsere Wasservorräte waren leer und die Dämmerung saß uns im Nacken. Und zu allem Überfluss war der bevorstehende Wegabschnitt auf der Karte wieder gestrichelt eingezeichnet. Also hieß es wieder klettern, auf allen Vieren im Krebsgang einen felsigen Abhang zu überqueren, und zum Teil in der Hocke kleinere Abhänge hinunter zu rutschen. Mein Adrenalinspiegel wurde auf den letzten Metern auf jedenfall noch einmal kräftig in die Höhe getrieben. Fotos sind hier keine mehr entstanden: beide Kameras waren gut im Rucksack verstaut, die Hände wurden anderweitig benötigt, für Fotopausen war keine Zeit. Umso erleichterter waren wir, als wir völlig abrupt wieder auf der Straße Richtung Nationalparkeingang standen. Da ist dann auch die ein oder andere Freudenträne geflossen.

Wider Erwarten habe ich in der darauffolgenden Nacht nicht besonders gut geschlafen. Nicht dass ich nicht erschöpft genug gewesen wäre, aber der Adrenalinkick hat mich doch noch lange wachgehalten und die Eindrücke dieses Abenteuers mussten erst einmal verarbeitet werden. Dafür können wir unserem Sohnemann dann irgendwann von den Abenteuern erzählen, die er schon in Mamas Bauch erlebt hat. Ich hoffe, ich habe ihn dadurch nicht zu sehr zum Adrenalinjunkie gemacht…