Reisen. Ferne Länder entdecken. Neue Kulturen kennen lernen. Das ist spannend, aufregend. Leider übersieht man dabei zu leicht die wundervollen Ecken, die kurz vor der eigenen Haustür liegen: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ hat schon Goethe gesagt. Eines meiner Wunschziele in naher Ferne ist schon seit langem einer der 16 Nationalparks in Deutschland: der Harz. Und das lange Wochenende eignete sich perfekt für unseren ersten Kurzurlaub mit dem Milchzwerg.

Wandern im Harz

Geplant hatte ich verschiedene Wanderungen und Radtouren rund um Braunlage. Noch fällt es mir schwer einzuschätzen, was ich uns und dem Zwerg wirklich zumuten kann. Beim Wandern im Tragetuch vor sich hin zu schlummern oder mit großen Augen die Bäume zu beobachten, liebt er zum Glück sehr. Mehrere Stunden im Anhänger zu sitzen, wird ihm aber auf Dauer (verständlicherweise) langweilig. Wir tasten uns langsam heran an das Outdoor-Elternsein und lernen ständig dazu. Mit dem Wetter muss man im Harz etwas vorsichtig sein, die Gegend ist eine der regenreichsten Regionen Deutschlands. Auch uns gegenüber war Frau Holle nicht besonders gnädig gestimmt, so dass wir leider nur zwei Touren testen konnten:

Der Goetheweg durchs Torfhausmoor

Der Goetheweg — angeblich wanderte Goethe hier entlang auf den Brocken — ist Teil des Harzer Hexenstiegs und einer der bewandertsten Wege im Nationalpark (etwa 200.000 Wanderer im Jahr). An dem Tag war das schlechte Wetter eher von Vorteil für uns, denn dadurch wurde unsere Wanderung nicht wieder zu einem abschreckenden Massentourismus-Erlebnis. Gestartet sind wir direkt in Torfhaus am Nationalpark-Besucherzentrum. Von dort führte uns der Goetheweg ins Torfhausmoor.

Distanz: 6,4 km
Höhenmeter: 90 m
Tour auf komoot.de ansehen

Das Torfhausmoor ist ein sogenanntes Regenmoor (wie gesagt, Regen gibt es viel im Harz). Regenmoore sind kein besonders freundlicher Lebensraum, weshalb Flora und Fauna hier sehr speziell sind. Bäume wachsen auf der rund 10.000 Jahre alten, über fünf Meter dicken Torfschicht nicht, stattdessen findet man hauptsächlich Torfmoose, Wollgras und kleine Sträucher. Damit man nicht im Moor versinkt und das Moor nicht durch Wanderer zertrampelt wird, führen Holzstege durch diese spezielle Fauna. Ich mag diese Optik. Erinnert mich an North-Shore-Trails und ich kriege sofort Lust aufs Rad zu steigen. Ich glaube zwar nicht, dass es erlaubt ist, die Holzstege zu befahren, tatsächlich ist aber im Harz auf fast allen Wanderwegen Radfahren ausdrücklich erlaubt. Dafür kriegt der Harz einen fetten Pluspunkt!

Vom Goetheweg wechselten wir auf den Kaiserweg und später auf den Torfmoorweg. Dort kann man einen kleinen Abstecher auf den Wald-Wandel-Weg machen. Auf diesem kurzen Lehrpfad erfuhren wir, wie sich der Nationalpark durch Windwurf, Insektenbefall und natürliches Baumsterben wandelt und wie der Harzwald der Zukunft aussehen könnte, denn in der Kernzone des Nationalparks wird die Natur wirklich vollständig sich selbst überlassen.

Blick zum Brocken vom Nationalpark-Besucherzentrum.

Am Ende erhaschten wir vom Nationalpark-Besucherzentrum aus noch einen kurzen Blick auf unser Ziel des darauffolgenden Tages: den Brocken.

Babys erster Gipfel

Als alte Gipfelstürmer konnten wir es uns natürlich nicht nehmen lassen, bei einem Harzurlaub auch den höchsten Gipfel mitzunehmen. Also hieß es: Rauf auf den Brocken! Den Anhänger überlies ich diesmal Mr. 2RadLiebe (er wollte das so) und konnte somit den ersten Ausflug auf meiner Carbondame in vollen Zügen genießen.

Höhenprofil von komoot

Distanz: 34 km
Höhenmeter: 830 m
Wegbeschaffenheit: 74% Straßenbelag / Asphalt
Tour auf komoot.de ansehen

Komoot schätzte für die Tour 3h Fahrzeit. Mir war klar, dass das für uns nicht realistisch ist. Dass wir am Ende aber mehr als doppelt so lang unterwegs sein werden, damit habe ich nicht gerechnet. Denn leider wurden uns einige „Steine in den Weg gelegt“. Gestartet sind wir direkt in Braunlage. Im Wald kurz vor Elend (Erholungsort Elend — genau mein Humor) erwartete uns das erste Hindernis. Die Brücke über die kalte Bode ist viel zu schmal für den Fahrradanhänger. Kurz haben wir in Erwägung gezogen, den Anhänger rüber zu heben, aber für die eher unhandlichen 30 Kilo fehlte mir (auch zu zweit) einfach die Kraft. Also mussten wir umplanen und weiter ging’s durch Elend Richtung Schierke.

Am Bahnhof Schierke wechselten wir auf den Bahnparallelweg — laut komoot ein S1 Trail, aber trotzdem problemlos mit meinen dünnen Reifen befahrbar. Dort erwartete uns das nächste Missgeschick: Die Milch lief aus. Nicht die Muttermilch. Die Dichtmilch. Nagel im Reifen. Platten. Erster Pannenbehebungsversuch: wieder aufpumpen und hoffen, dass die Milch das Loch verschließt. Das klappte so etwa 500 Meter. Dann musste doch der Ersatzschlauch ran. Den Milchzwerg hat es nicht gekümmert, er schlummerte friedlich in seinem warmen Nest.

Weiter ging es auf die Brockenstraße. Ab hier wieder Asphalt und zwar bis zum Gipfel. Ohne das Geholper über Stock und Stein wurde es Baby 2RadLiebe dann doch etwas zu langweilig. Also Pause und erstmal in Ruhe stillen. Leider hilft die Milch nicht gegen Langeweile und so fuhren wir mit quengelndem Baby im Anhänger die Brockenstraße hinauf, vorbei an all den Touristen, die mit der Brockenbahn zum Gipfel gefahren und bereits auf dem Rückweg waren. Nachdem der Milchzwerg sich immer lauter beschwerte, beschlossen wir, ihm ein wenig Abwechslung zu bieten. Also trug ich ihn die letzten Meter auf den Gipfel. Wir gaben vermutlich schon ein merkwürdiges Bild ab: Ich mit dem Milchzwerg in eine Decke gewickelt auf dem Arm und Mr. 2RadLiebe die beiden Räder plus Anhänger schiebend.

Brockenausblick mit für Brockenverhältnisse erstaunlich guten Sichtbedingungen.

Auf dem Gipfel haben wir uns dann verständlicherweise nicht besonders lang aufgehalten. Die Sicht vom Brockengipfel fand ich nicht sonderlich beeindruckend, vielleicht aber auch nur, weil ich sie nicht entspannt genießen konnte. Bei exzellenten Sichtbedingungen kann man von hier wohl bis ins Erzgebirge blicken. Allerdings hängt der Brockengipfel an über 300 Tagen im Jahr im Nebel. Das ist einer der Gründe, warum sich eine Menge Sagen um den Berg ranken — vorallem über Hexentreffen zur Walpurgisnacht. Sogar die Lieblingshexe aus meiner Kindheit wurde nach dem Brocken aka Blocksberg benannt.

Abwärts fuhren wir einen weiteren Teil des Goethewegs. Endlich wieder runter vom Asphalt, ist der Milchzwerg dann auch wieder in die Traumwelt entflohen (was uns von mehreren Wanderern bestätigt wurde — “ach, der schläft ja“). Je holpriger, desto besser. Irgendwann wechselten wir auf den ehemaligen Grenzweg. Dieser alte Plattenweg erforderte einiges an Geschick, um den Anhänger darüber zu navigieren. Auf dem Grenzweg wurden wir zusätzlich noch von einem letzten Stich Richtung Wurmberg überrascht. Danach wechselten wir auf den Ulmer Weg am Wurmberg entlang, bis wir schlussendlich auf Asphalt zurück nach Braunlage rollten.

Was habe ich aus der Tour gelernt: Herbst ist nicht die beste Zeit für eine längere Radtour mit Baby. Im Sommer hätten wir ausgiebigere Pausen zur Bespaßung für den Milchzwerg machen können. Und der schwierigste Teil der Routenplanung ist ab jetzt, zu erkennen, welche Wege wirklich Anhängertauglich sind. Eine Information, die leider nicht Teil der gängigen Routenplaner ist. Es bleibt also ein Glücksspiel und die Abenteuergeschichten werden uns nicht ausgehen.